21. Oktober 2000 Bad Hersfeld
mit
No Sissy Stuff, Lacrima Christi, Chased Crime
Bad Hersfeld war im „Lolls“ Rausch. Das
jährliche Lullus Fest (aka „Lolls“) steuerte seinem Höhepunkt entgegen. Auf dem
Festplatz breitete sich die Nachricht, dass im heimatlichen Juze ein Konzert
der härteren Klänge unter dem Rocktown Banner angesetzt war, wie ein Lauffeuer
aus. Es war der erste Rocktown Clubgig, bei dem die Werbung etwas zu wünschen
übrig gelassen hatte, aber trotzdem kamen die Musikfreaks in Scharen. Insgesamt
ca. 160 zahlende Gäste wollten sich nicht entgehen lassen, was die Rocktowner
unter dem Banner „Monsters Of Lolls“ geplant hatten.
Doch zu Beginn wieder ein Schlag in die
Fresse. Die RAMBONES, eine Ramones Coverband aus Frankfurt, mußte den Gig wegen
einer Kehlkopfentzündung des Johnny Ramones Pendants am Mirko canceln. Ein
schwerwiegender Verlust, der so kurzfristig nicht ersetzt werden konnte. Das
Programm verschob sich. Die Mädels von NO SISSY STUFF wurden Headliner, davor
LACRIMA CHRISTI und kurzerhand als Opener sprangen CHASED CRIME, die andere
Band des RAMBONES Schlagwerkers ein.
Während immer noch zahlreiche Fans die
Treppen des Juze erklommen, begannen CHASED CRIME mit ihrem progressiven Spiel.
Vielleicht etwas zu kompliziert für das gemischte Publikum, denn leider wollte
nicht besonders viel Stimmung aufkommen. Bei genauerem Hinhören eröffneten sich
aber wunderschöne Klangwelten, sehr melodisch, sehr gut durchstrukturiert,
niemals abgehackt (wie so oft in diesem Stil). Hauptverantwortlich ist hierfür
wohl das Keyboard von Ralf Ambrosi und die einzige Gitarre von Rob Schneider,
der alle Riffs gut nachvollziehen und heraushören ließ. Der Sound war leider
etwas zu laut, doch Rocktown Soundmann Lars schraubte unaufhaltsam weiter an der
Perfektion.
Als zweite Band bestiegen LACRIMA
CHRISTI die Bühne, die sich auch gleich eine Fanschar aus ihrer ca. 50 Km
entfernten Heimatstadt Kassel mitgebracht hatten. Zudem war der 21.10. der
Geburtsag von Drummer Marco, also die optimale Möglichkeit abzufeiern. Das
taten die beinharten Fans der anspruchsvollen Death Metal Band auch. Aber
leider war auch diese Musik zu komplex für einen Großteil des Publikums. Eine
Stimmungssteigerung zum Opener war jedoch unschwer zu erkennen. Es traten sogar
einige, seit diesem Abend neue Fans an mich heran, die zwar sonst kein Death
Metal hören, von den lacrimierten Christen aber schwer begeistert waren. Ich
persönlich kannte bis jetzt ja nur die hervorragende Eigenproduktion „Spiegel“,
meine Spannung auf das Konzert stieg deswegen umso höher. Mein Fazit:
Musikalisch top, allerdings in der Liveperformance etwas unausgegoren. Das
Outfit wirkte unausgeglichen, einige Musiker sahen eher wie Studiomucker bei
ihrer Arbeit, andere entsprechend besser und showerprobter aus. Ein kleines
Manko, das noch Verbesserung bedarf. Als nächstes steht aber erstmal die neue
CD an.
NO SISSY STUFF, die Band aus Koblenz,
die in Nordhessen durch zahlreiche Gigs schon lange keine Unbekannten mehr
sind. Routiniert und professionell wie eh und je gab es auch keine besonderen
Veränderungen. Halt, das bezieht sich rein auf die Liveperformance, denn die
Setlist hat eine Art „Frischzellenkur“ erlebt. All die alten Coverversionen von
Edguy, Twisted Sister, etc., die sich meiner Meinung nach immer mehr zum Klotz
am Bein von NO SISSY STUFF entwickelt haben sind Vergangenheit. Die Mädels
konzentrieren sich ganz allein auf ihr eigenes Material. Und das ist gut so,
denn damit gehen sie einen wichtigen Schritt in Richtung eigener Identität und
Vollwertigkeit. Wer NO SISSY STUFF noch nicht kennt, dem sei der Vergleich
„Girlschool meets Twisted Sister“ aufgedrückt. In meinen Ohren hat er immer
noch Bestand, denn die Musikerinnen verstehen ihr Handwerk und versprechen
durch eine gute Show immer eine gute Stimmung im Publikum. So war es auch
diesmal im Juze Bad Hersfeld, obwohl das Publikum etwas „Lollsstrapaziert“ und
müde war und daher die Zugaberufe sicherlich etwas lauter hätten sein können.
Nachdem die verschwitzten Frauenkörper
die Bühne verlassen hatten, klang der Abend ab ca. 1.00 Uhr langsam aus. Keiner
dürfte letztendlich enttäuscht gewesen sein, obwohl der Wegfall der RAMBONES
doch eindeutig in den Gesichtern der Besucher zu verzeichnen war. Das Rocktown
Team setzt sich daran, nach der Genesung des Sängers die Band doch noch im
Rahmen eines Gigs spielen zu lassen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, wie man
so schön abgedroschen sagt...
Jens Koch